Untersuchung bestätigt: Dämmmaterial nicht Schuld bei Hochhausbrand

© Parliament of the UK

23.10.2018: Im Sommer 2017 kam es zu einem verheerenden Brand des Grenfell Towers in London. Im Zuge dessen entwickelte sich eine breite Diskussion um die Brandbeständigkeit von Dämm-materialien, insbesondere aus Polystyrol und ähnlichen Materialien in Wärmeverbundsystemen. Zusätzliche Dynamik erhielt die Diskussion in Deutschland, da nahezu zeitgleich zum 01.08.2017 die Abfallverzeichnis-Verordnung (AVV) novelliert wurde u.a. mit Blick auf das Flammschutzmittel HBCD in Dämmstoffen.

In London arbeitet seit einem Jahr die Kommission zur Aufklärung des Brandes am Grenfell Tower. Die „Deutsche Feuerwehrzeitung“ des Deutschen Feuerwehrverbandes  veröffentlichte einen Artikel von Prof. Dr.-Ing. Michael Reick, der die vorläufigen Ergebnisse der noch laufenden ersten Untersuchungsphase zusammenfasst. Die Kommission analysierte Ursache und Verlauf des Brandes, wertete hierzu 400.000 Dokumente aus, befragte Experten und Feuerwehrleute und sichtete Fotos und Videos.

 

Erste Ergebnisse: Die schnelle Brandentwicklung kam durch die Wetterschutzverkleidung

An der Fassade des Grenfell Tower war kein Polystyrol, sondern Poly­iso­cyanurat (PU) als Dämmstoff in 10-16 cm Dicke verbaut. Die Brandweiterleitung an der Fassade wurde an erster Stelle durch die ACP-Wetterschutzverkleidung aus Aluminium mit aussteifendem Polyethylenkern verursacht. Zum Brandbeitrag der Fassadenkomponenten schreibt die Deutschen Feuerwehrzeitung: „Es muss daher an dieser Stelle betont werden, dass die Wärmedämmung aus Polyiso­cy­anu­rat gar nicht das ausschlaggebende Element war, sondern viel­mehr die ACP-Paneele.“ Zu dieser ACP-Wetterschutzverkleidung wird weiter ausgeführt: „Die Masse der Verkleidung war aufgrund der geringen Stärke der PE-Platten zwar gering und die Wärmefreisetzung ging größtenteils in die äußere Umgebung, aufgrund der hohen Abbrandgeschwindigkeit und der damit verbundenen hohen Wärmefreisetzung hat dies jedoch offensichtlich ausgereicht, dass bereits nach kurzer Zeit weitere Entstehungsbrände in den über der Brandwohnung gelegenen Wohnungen auftraten.“

Die enorme Geschwindigkeit der Brandweiterleitung erklärt sich auch aus den Zustrom von Verbrennungsluft über die Hinterlüftung der Wetterschutzverkleidung. Es brannte nicht nur das Polyethylen, sondern auch das Aluminium der Wetterschutzplatten. Der Londoner Einsatzleiter verglich das Brandgeschehen mit einem „Magnesiumbrand“. Die Geschwindigkeit des Feuers wird so eingeschätzt: „Der Brand hatte sich daher innerhalb von nur 36 Minuten von einem Entstehungsbrand in der Küche zu einem Brand entwickelt, der über die Fassade alle 19 darüber liegenden Wohnungen un­mittelbar bedrohte.“ Für die letzten 10 Stockwerke nach oben bis zum 22. OG brauchten die Flammen nur sie­ben Minuten. Danach begann zwischen 1:12 bis 4:03 Uhr die Brand­weiterleitung über die Wetterschutzplatten um das Gebäude herum.

Die Wetterschutzverkleidung brannte völlig ab, während die Wanddämmung in großen Teilen erhalten blieb, sogar die gelbe Farbe des verbauten Polyurethans war teilweise noch erkennbar.

 

Debatte um Brandschutz und Dämmmaterial

Gleichwohl entstand in den Tagen nach dem Brand das Gerücht, hier habe der Dämmstoff  Polystyrol gebrannt, was sehr schnell zu einer Kampagne gegen Polystyrol an deutschen Gebäudefassaden ausgebaut wurde. Wissenschaftler hatten das bereits damals als unsachlich und falsch kritisiert, sie werden nun durch die Londoner Untersuchung bestätigt. Fassadenbrände mit Polystyrol sind mit 0,02 Promille aller jährlichen Brände extrem selten, an deutschen Hochhäusern wird es ohne­hin nicht verbaut.

 

Info: Dieser Beitrag basiert in großen Teilen auf einem Artikel von Dipl.-Ing. Werner Eicke-Hennig vom Energieinistitut Hessen.