Heizen mit der Nordsee

Borkum auf dem Weg zur klimaneutralen Insel

Die westlichste der ostfriesischen Inseln möchte Vorbildliches leisten und damit zur Blaupause für andere Kommunen entlang der Nordseeküste werden. Mehr als 5000 Einwohner und jährlich über
280 000 Touristen sollen künftig ohne klimaschädigende Emissionen auf Borkum leben, arbeiten und Urlaub machen. Besonders die emissionsfreie Versorgung mit Wärme bildet eine der größten Herausforderungen. Drei der maßgeblichen Akteure erläutern im Interview, wie sie die Lösung dieser Frage angehen: Göran Sell, Geschäftsführer der Nordseeheilbad Borkum GmbH, Axel Held, Werksdirektor der Stadtwerke Borkum und Wolfgang Jaske, Geschäftsführer von Jaske & Wolf Verfahrenstechnik Gmbh. 

Göran Sell

Borkum soll bis zum Jahr 2030 emissionsfrei, also klimaneutral werden. Ist das ein Wunschtraum oder haben Sie das verbindlich festgelegt?

Göran Sell:
Leben und Tourismus attraktiv und zugleich klimaneutral zu gestalten, ist für unsere Insel existenziell. In den Jahren  2015/16 entwickelte die NBG Nordseeheilbad Borkum GmbH daher auf Basis eines einstimmigen Stadtratsbeschlusses mit breiter Bürgerbeteiligung eine Strategie „Borkum 2030“ für das gesamte lokale Leistungsträgernetzwerk. Ein Ziel ist, dem Klimawandel im insularen Gesamtsystem durch vollständige Vermeidung anthropogener Emissionen zu begegnen. Unser Vorhaben unterstreicht die am 18.03.2010 durch die trilaterale Regierungskooperation zum Schutz des Wattenmeers gefasste Erklärung: Bis 2030 soll das Wattenmeer CO2-neutral sein. 

Axel Held

Welchen Anteil hat der Wärmesektor am derzeitigen Energieverbrauch und wie soll dieser langfristig klimaneutral gedeckt werden?

Axel Held:
Innerhalb von insgesamt neun strategischen Zielen für die vorgenannte Inselentwicklung bildet die Formulierung "Borkum wird nachhaltig, klimaneutral und emissionsfrei" ein zentrales Element. In Analogie zur strategischen Positionierung der Insel auf Grundlage von vier touristischen Handlungsfeldern (Natur, Vitalität, Sport und Kultur),  stellt Borkum zur Verfolgung der o.g. Energieziele die vier emissionstreibenden Sektoren Wohnen, Mobilität, Konsum, und Ernährung- auf das Fundament „Smart Island“. Smart Island deshalb, weil die Insellage die Bedingungen eines Reallabors erfüllt – und das nicht nur zu Forschungszwecken. Es ergibt sich ein bewertbares Bild für Handlungsoptionen. Borkum mit seinen energieaffinen Bürgern ist im Bereich der Stromverwendung schon sehr weit, die Insel Borkum weist gegenüber dem Bundesdurchschnitt mit zwei Drittel  Grünstromanteil eine deutlich nachhaltigere Stromnutzung auf. Doch steht dem Letztverbraucherabsatz im Stromsektor in Höhe von ca.33 GWh rein mengenmäßig ein Gasverbrauch von ca. 140 GWh auf der Insel gegenüber. Das unterstreicht die vielzitierte These, dass die Energiewende nur dem gelingt, der die Wärmewende in den Griff bekommt. Ganz konkret betreiben wir in Kooperation mit dem Unternehmen Jaske & Wolf aus Lingen eine von der Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) geförderte Versuchsanlage, durch die wir Erkenntnisse zur Nutzbarkeit von Nordseewasser für unsere kommunale Strategie zur Umsetzung der Wärmewende auf Basis von Wärmepumpen und speziellen Nahwärmenetzen gewinnen wollen.

Heizen mit der Nordsee! Das klingt wie ein Widerspruch in sich.

Axel Held:
Was zunächst wie ein Widerspruch klingen mag, liegt bei näherer Betrachtung für uns quasi auf der Hand, bzw. direkt vor der Haustür: die Nordsee als eine unerschöpfliche Wärmequelle für eine effiziente Wärmepumpentechnologie. Wir peilen eine Deckung des Heizwärme- und Brauchwasserbedarfes von über 70% alleine aus der Nordsee an. Natürlich müssen wir uns auch mit der entsprechenden notwendigen Ergänzungsenergie beschäftigen. Regenerativ erzeugte Energie, sowie eine zukünftige Nutzung von Wasserstofftechnologie, insbesondere auch zur Verwendung als Speichermedium, oder Sektorkopplung zwischen Mobilität und Wärme stehen bei uns dabei im Fokus. 

Die Versuchsanlage im Borkumer Hafen, gefördert von der DBU
Foto: Jaske&Wolf

Wolfgang Jaske:
Die aktuell auf Borkum eingesetzte mobile Versuchsanlage haben wir entwickelt, um alle möglichen flüssigen Wärmequellen auf ihre Eignung und energetische Ergiebigkeit zu testen. Vereinfacht gesagt, handelt es sich bei der Anlage um eine große Wärmepumpe mit besonderer Reinigungstechnik. Vor den Versuchen auf Borkum war die Anlage sehr erfolgreich z. B. in einer Papierrecyclingfabrik im Abwasserbereich und davor zur Erschließung einer Geothermiequelle am Rhein / Vulkaneifel im Einsatz. Herkömmliche Anlagen sind sehr anfällig für Ablagerungen und Verstopfungen durch verschiedenste Störstoffe, was oftmals die Nutzung des schier unerschöpflichen Potentials Umweltwärme als Energiequelle verhindert. 

Wolfgang Jaske (rechts) im Gespräch mit Ministerpräsident Stefan Weil


Auf Basis dieser Technologie haben wir ein komplettes Wärmeversorgungskonzept entwickelt, das vor allem die Nutzung niedrig temperierter Heizsysteme vorsieht und dadurch hohe Systemverluste vermeidet. Durch Kombination verschiedener Temperaturebenen, Wärmespeichern, Sektorkopplung und Regelenergie erzielen wir weitere gewünschte Effekte wie Versorgungssicherheit, Netzstabilität usw.

Die Versuchsreihe auf Borkum läuft seit März 2018. Schon jetzt zeichnet sich die hervorragende Eignung der Nordsee als Wärmequelle ab.

Theoretisch klingt das überzeugend. Aber wie wollen Sie das praktisch umsetzen?

Göran Sell:
Unser Vorhaben auf der Insel konkretisiert sich in einem Integrierten städtebaulichen Entwicklungskonzept (ISEK) für die gesamte Insel sowie vorbereitenden Untersuchungen (VU) gem. § 141 BauGB für einen 82 ha großen Ortsteil; dort ergänzt durch ein energetisches Stadtsanierungskonzept nach KfW 432. Städtebauliche und energetische Quartierssanierung gehen hier also Hand in Hand. Mit der Installation eines ebenfalls förderfähigen Quartiersmanagers erfolgt eine fundierte fachliche Begleitung unseres Projektes vor Ort. Wirtschaftlich ist die Ausschöpfung der gegebenen Förderkulisse Voraussetzung dafür, dass ein so wichtiges, beispielgebendes Projekt gelingen kann.

Wie gehen Sie beim Projekt grundsätzlich vor?

Axel Held:
Zunächst planen wir eine ausführliche Datenerhebung und Analyse. Dabei betrachten  wir  im Quartier die räumliche Versorgungsinfrastruktur und den energetischen Sanierungsbedarf des Gebäudebestandes. Erst nach theoretischer Erreichung eines energieeffizienten Dämmungsgrades und des daraus folgenden Wämebedarfs kann eine Planung der Versorgungsoptionen mit dem Ziel einer systematischen Dekarbonisierung der Wärmeversorgung erfolgen.

Welche Unterstützung bekommen Sie von Partnern auf dem Festland?

Göran Sell:
Um mit unserem Vorhaben erfolgreich zu sein, bedarf es eines vernetzten Zusammenwirkens sehr vielfältiger Kompetenzen. Die richtigen Partner auch auf dem Festland zu haben, ist daher für die angestrebte Weiterentwicklung unserer Insel von immenser Bedeutung. Im politisch-administrativen Raum brauchen wir gute Arbeitsbeziehungen auf Bundes-, Landes- und Kreisebene. Die Kommunikation läuft hier dankenswerter Weise sehr partnerschaftlich. Die touristischen und energiewirtschaftlichen Engagements in bestehenden und teilweise auch institutionalisierten Kooperationen eignen sich ebenfalls ideal zum Austausch. Nicht fehlen dürfen zudem innovativ orientierte Berater  Nicht zuletzt war und ist für das Projekt die Klimaschutz- und Energieagentur Niedersachsen ein wichtiger Türöffner, Vermittler und direkter Unterstützer.

Wo zeichnen sich die größten Herausforderungen ab?

Göran Sell:
Wir sind von der Attraktivität des Projektes überzeugt. Eine zentrale Herausforderung wird sein, Klimaneutralität und Wirtschaftlichkeit in Einklang zu bringen; nur dann werden wir auch die ortsansässigen Unternehmen und die Privathaushalte für das Vorhaben gewinnen können. Ein Baustein ist hierbei, die steuerlichen Anreize für private Investitionen  zu erhöhen. Das gelingt indem wir ein Sanierungsgebiet auf der Grundlage eines energetischen Quartierskonzeptes ausweisen.