KEAN: Herr Berneburg, Sie befinden sich mitten im Sanierungsprozess Ihrer Einrichtung. Was war der Auslöser für die Entscheidung, eine energetische Sanierung der Liegenschaft durchzuführen?
Berneburg: Wie viele andere Einrichtungen der Lebenshilfe in Deutschland, wurde der Lebenshilfe Einbeck e.V. in der ersten Hälfte der 1960er Jahre gegründet. Der Gebäudekomplex auf unserem Hauptcampus ist folglich zwischen 1967 und 2001 entstanden und weist die bautypischen Ausführungen auf. Die Beheizung erfolgt ausschließlich mit fossilen Brennstoffen über Gasbrennwertkessel.
Für die Entscheidung, eine energetische Sanierung in vier Bauabschnitten durchzuführen, gibt es mehrere Gründe. Grundlegend steht der Gedanke im Vordergrund, durch die Reduzierung des Energieverbrauchs sowohl Kosten zu sparen als auch einen Beitrag zur Nachhaltigkeit zu leisten. Die Wärme- und Kälteversorgung soll generell durch den Einsatz erneuerbarer Energien optimiert werden. Dabei soll sowohl der Einsatz von Wärmepumpen und PV-Anlagen als auch die Möglichkeit der Geothermie geprüft werden.
Aufgrund der z.T. relativ alten Bausubstanz stand von Anfang an auch die Optimierung der Gebäudehülle als flankierende Maßnahme im Fokus. In diesem Zusammenhang sind Wärmedämmung von Dächern, Fassaden und Fenstern zu nennen. Dadurch werden Wärmeverluste reduziert und durch den geringeren spezifischen Wärmebedarf sinkt die Heizlast. Auch ein sommerlicher Wärmeschutz vor dem Hintergrund steigender Temperaturen wird von Beginn an mitgedacht. Ferner werden außenliegender Sonnenschutz, passive Kühlung durch Nachtlüftung sowie eine Senkung des Strombedarfs durch LED-Beleuchtung und Präsenzmelder geprüft.
KEAN: Welche energetischen Maßnahmen sind geplant?
Berneburg: Zeitlich werden jene Bauabschnitte mit dem höchsten Handlungsbedarf aufgrund abgängiger Heizungskessel vorangestellt. Die Sanierung erfolgt in überschaubaren Bauabschnitten, um Nutzungseinschränkungen zu minimieren. Die einzelnen Maßnahmen konzentrieren sich auf bautechnisch einfach umsetzbare Sanierungsschritte, auf die Nachbesserung der Dämmung bestehender Bodenflächen wird z.B. verzichtet.
Konkret geht es um die Dämmung der Fassaden mit Wärmedämmverbundsystem mit einen U-Wert < 0,20 W/m²K, dem Austausch der Bestandsfenster gegen Kunststofffenster mit Dreifachverglasung mit einem U-Wert <0,95 W/m²K, Verkleinerung der Fensterflächen auf der Südseite der Turnhalle, Reduzierung des beheizten Volumens durch Einbau von Unterdecken, Umbau des Heizsystems mithilfe von Wärmpumpenheizkörpern auf Hybridheizung, Einbau von Luft-Wärmepumpen und effektiverer Gasbrennwerttechnik.
Ein Gebäudeteil wird nach erfolgreichem Geothermal Response Test zukünftig durch Erdsonden und Erd-Wärmepumpen beheizt und im Sommer gekühlt.
KEAN: Wie wird die Sanierung finanziert und wurden Förderungen beantragt, falls ja welche?
Berneburg: Durch die Unterteilung der Gebäude in mehrere Bauabschnitte kann eine separierte Betrachtung der Kosten und der Wirtschaftlichkeit entsprechend der einzelnen Arbeitsbereiche vorgenommen werden.
Die Refinanzierungsgespräche werden für den U-18-Bereich mit dem Landkreis als Kostenträger geführt (Ergänzung der KEAN: Die Lebenshilfe bietet neben der Eingliederungshilfe für Kinder und Jugendliche auch betreutes Wohnen und einen ambulanten Dienst an.). Konkrete Kostenkalkulationen sowie regelmäßige Informationen bei Kostensteigerungen während der Bauzeit und ein Abschlussgespräch einige Wochen vor Ende der einzelnen Bauabschnitte sind wichtige Bestandteile der Zusammenarbeit. Die zu erwartenden Baukostensteigerungen sollten durch die Architekten bereits bei den Kostenschätzungen vermerkt werden.
Die Antragstellung der Fördermittel übernehmen die Fachplaner und muss vor Beginn der Maßnahme erfolgen. Voraussetzung ist, dass ein Energieeffizienzexperte eingebunden ist. Relevant ist derzeit das Förderprogramm BEG-EM des BAFA, durch welches die energetische Fachplanung sowie Einzelmaßnahmen im Rahmen der energetischen Gebäudesanierung gefördert werden.
KEAN: Welche Schwierigkeiten traten bis jetzt auf und welche Erkenntnisse konnten daraus abgeleitet werden?
Berneburg: Eine groß angelegte energetische Sanierung muss sorgfältig geplant werden. Zunächst bedeutet dies, sich in ein Thema, das nicht zum Kerngeschäft der Einrichtung gehört, einzuarbeiten. Ferner müssen die inhaltlichen und zeitlichen Vorstellungen der verschiedenen Bereiche – energetische Sanierung, Optimierung der Gebäudehülle, ggf. Umbaumaßnahmen – abgestimmt werden. Die Räumung einzelner Gebäudeteile und die damit verbundene Unterbringung von Gruppen muss parallel bedacht und auch von den verantwortlichen Stellen genehmigt werden. Auch Verzögerungen bei der Umsetzung müssen im Gesamtbauzeitenplan mitgedacht werden.
Die Finanzierung muss, wie bereits geschildert, engmaschig mit dem Kostenträger verhandelt werden. Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass viele Beteiligte den Prozess engagiert und flexibel begleiten müssen.
KEAN: Haben Sie Tipps oder Anregungen für andere Einrichtungen der Sozialwirtschaft?
Berneburg: Aufgrund der vielschichtigen Aufgaben und damit verbundenen hohen Kosten empfehlen wir eine gesamtheitliche Betrachtung der Gebäude. Die Modernisierung der technischen Anlagen sollte zusammen mit der Optimierung der Gebäudehülle und nötigen Umbaumaßnahmen gedacht werden. Eine gute Nutzung der vorhandenen Gebäudesubstanz sollte die Maxime sein und Vorrang vor der teuren Alternative eines Neubaus haben.
Weiterhin sind die richtigen Partner für die Planung und Durchführung sowie eine gute Kommunikation innerhalb der Einrichtung von entscheidender Bedeutung.
KEAN: Vielen Dank für den Einblick in Ihr laufendes Projekt, Herr Berneburg.

Erster Bauabschnitt: Sprachheilkindergarten, geplant sind die Fassadendämmung, der Fenstertausch und der Dachausbau, Baujahr 1993 (Foto: KEAN)

Hofansicht des Heilpädagogischen Kindergartens und der Turnhalle, Baujahr 1969 (Foto: KEAN)
Weiterführende Informationen
Wer einen Überblick über den energetischen Zustand seiner Liegenschaften und eine sinnvolle Sanierungsreihenfolge erlangen möchte, für den bietet sich die Erstellung eines energetischen Sanierungsfahrplans an.
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