In Hannover wurde dem Ministerpräsidenten auf dem Gelände des 272-MW-Kohlekraftwerks Stöcken der enercity AG die „Großbaustelle Wärmewende“ in ihrer Dimension bildlich vor Augen geführt. Hannover will bis 2035 klimaneutral werden. Dabei kommt neben dem massiven Ausbau der Erneuerbaren dem Ausbau des Fernwärmenetzes eine zentrale Rolle zu, dessen Trassenlänge bis 2045 nahezu verdoppelt werden soll. Die derzeit eingesetzte Steinkohle soll als Energieträger zunächst durch zwei hoch-flexible Biomethan- Blockheizkraftwerke, eine Anlage zur thermischen Verwertung von Klärschlamm, die Auskopplung von Wärme aus der Müllverbrennungsanlage Hannover-Lahe, eine Power-to-heat-Anlage sowie ein Altholz-Heizkraftwerk (dessen Wärme durch eine Großwärmepumpe zusätzlich verdichtet wird) ersetzt werden.

enercity-CEO Dr. Susanna Zapreva informiert Ministerpräsident Weil über die geplante Transformation des Gemeinschaftskraftwerks in Hannover-Stöcken. Bildquelle: Niedersächsische Staatskanzlei
Vorstandsmitglied Prof. Dr. Marc Hansmann erläutert auf kritische Nachfrage hin, dass der Einsatz der Biomasse erforderlich werde, um den Temperaturanforderung der abnehmenden Industrie gerecht zu werden. Biomasse sei nur ein begrenzt verfügbarer Energieträger, der, wie auch der für die spätere Umstellungsstufe vorgesehene Wasserstoff, zunächst nur sehr eingeschränkt zu Heizzwecken im Wohnungsbereich zur Verfügung steht. Besonders interessant: Bereits 2026 sollen rund 8% der Wärme über eine Großwärmepumpe aus Flusswasser gewonnen werden. Forscher der TU Braunschweig schätzen das Potenzial aus Oberflächengewässern auf rund 50 % des derzeitigen Wärmebedarfs in Deutschland.
Geothermie bietet die Möglichkeit, erneuerbare Wärme aus einer umweltfreundlichen und nahezu unerschöpflichen Energiequelle zu gewinnen. Sie stellt damit eine weitere Option dar, die in der Kommunalen Wärmeplanung Berücksichtigung finden sollte. Sie ist notwendig für das Erreichen der ehrgeizigen Klimaziele Niedersachsens. Besonders die oberflächennahe Geothermie hat das Potenzial, für die Wärmewende schnell ausgebaut zu werden und den Anteil geothermischer Heizenergie bis 2030 zu vervierfachen. Im vergangenen Jahr wurden in Niedersachsen 2705 Geothermieanlagen installiert. 18 Prozent mehr als 2021! Die in 2022 zugebaute gesamte Anlagenleistung der weit überwiegend mit Erdwärmesonden arbeitenden Geothermieanlagen betrug knapp 31 MWth.
Auch das vierte Objekt - ein Schulneubau in Hannover Mühlenberg - soll zu 70 % mit über Erdwärmesonden gewonnener Erdwärme versorgt werden. Dazu werden derzeit 38 Sonden mit einer Heizleistung von 140 kW und einer Kühlleistung von 91 kW unter dem zukünftigen Schulhof ca. 150 m tief in das Erdreich eingebracht. Die Spitzenlast soll über einen Gaskessel abgedeckt werden. Das LBEG, das landesweit als Fachbehörde zu Fragen rund um die Erdwärme beratend ist, begleitet den Einbau der Erdwärmesonden. Der Vertreter des LBEG, Herr Holger Jensen, erläuterte das umfangreiche Informationsangebot der LBEG, das insbesondere von den Unteren Wasserbehörden genutzt werde.

Die Teilnehmenden der Fahrt am Schulneubau in Hannover Mühlenberg. Bildquelle: Niedersächsische Staatskanzlei
Die Winterreise machte laut Ministerpräsident Weil deutlich: „Der Wärmesektor ist entscheidend für das Gelingen der Energiewende und den Klimaschutz. Die niedersächsischen Projekte zeigen, dass es viele Optionen gibt, um erneuerbare Wärmequellen vor Ort zu erschließen – sei es Umgebungswärme aus der Luft, dem Boden oder Gewässern, Abwärme aus der Industrie oder auch die Geothermie aus größeren Tiefen.“
Derzeit werden von verschiedenen Unternehmen in 19 sogenannten Erlaubnisgebieten (drei Mal so viele wie 2020) wirtschaftlich erschließbare Geothermiepotenziale erkundet, wie das LBEG auf Nachfrage mitteilte. Die verschiedenen Optionen gilt es, vor Ort auf ihre Nutzbarkeit zu betrachten. Diesbezüglich maß Ministerpräsident Weil der kommunalen Wärmeplanung eine entscheidende Bedeutung bei: „Die kommunale Wärmeplanung muss die denkbaren Möglichkeiten zusammenführen und den Weg zu einer klimaneutralen Wärmeversorgung aufzeigen.“