Udo Sieverding und Reinold von Thadden im Gespräch

Steigende Energiepreise, was ist zu tun?

Deutschland ist in hohem Maße abhängig von Energieimporten - insbesondere bei Öl und Gas. Der rapide voranschreitende Klimawandel und der Krieg in der Ukraine machen uns allen deutlich, dass wir davon unabhängiger werden müssen: Durch Maßnahmen wie Energiesparen, energetische Gebäudeoptimierung und konsequente Nutzung erneuerbarer Energien. Die jüngsten Entwicklungen im Energiesektor haben gravierende Auswirkungen auf Bürger:innen, insbesondere einkommensschwache Haushalte drohen finanziell überfordert zu werden. Wir haben mit Udo Sieverding, Bereichsleiter Energie Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, und Reinold von Thadden, Leiter der Rechtsabteilung Deutscher Mieterbund, über soziale Herausforderungen und mögliche Lösungsansätze gesprochen.

Hinweis: Das Interview wurde am 12. August 2022 geführt.

Beide Herren werden auf dem diesjährigen Energieforum 2022 der Leuphana Universität Lüneburg am 6. September zugegen sein und über die Auswirkungen der jüngsten Entwicklungen im Energiesektor auf Bürger:innen in den Austausch gehen. Die hybride Veranstaltung findet in Kooperation mit der Klimaschutz- und Energieagentur Niedersachsen und dem ECOLOG-Institut statt.

Herr Sieverding, Herr von Thadden: Zunächst ganz allgemein gefragt: Ist für Sie die Energiewende Ursache der aktuellen Preisentwicklungen oder eine Chance, der Misere zu entkommen?

Sieverding: Wind und Solarstrom retten uns und Frankreich derzeit und jetzt rächt sich bitter, dass der weitere Ausbau der Erneuerbaren Energien in den vergangenen Jahren vertrödelt wurde. Mit weniger und teurerem Erdgas stehen wir vor unerwartet harten Jahren, aber das langfristige Ziel der Klimaneutralität bei hoher Versorgungssicherheit ist nur durch konsequente Energiewende erreichbar.

von Thadden: Es haben sich über Jahre hinweg zudem viele Dinge angestaut, die jetzt negativ zusammenwirken und – sich wechselseitig verstärkend – auf uns auswirken. Probleme sind schlicht ignoriert bzw. ausgesessen worden. Nicht nur in der Klimapolitik, wie wir immer wieder leidvoll feststellen, sondern auch auf ganz anderen Feldern, etwa der Russlandpolitik. Weil die Dinge aber nicht isoliert betrachtet werden können, ist der Aufschlag für die deutsche Gesellschaft jetzt umso bitterer. Aber in jeder Krise liegt immer auch eine Chance. Die jetzige Situation zwingt alle Betroffenen dazu, sich selbst neu zu positionieren. Sowohl im privaten als auch im beruflichen Bereich. Es gibt ein enormes Einsparpotenzial. Und wir haben in Deutschland die technischen Möglichkeiten, immer wieder neu auf Krisen zu reagieren. Allerdings sind unsere Rohstoffe begrenzt.

Die rasant steigenden Energiepreise sind derzeit in aller Munde, denn die Energiekostenbelastung betrifft alle Haushalte. Was können Verbraucher:innen bzw. Mieter:innen tun, um die Kostenbelastung im Rahmen zu halten?

Sieverding: Da Tarif- oder Anbieterwechsel derzeit als Option nicht attraktiv sind und ausfallen, bleiben nur Energieeinsparungen, um Energiekosten zu senken. Verbraucherzentralen und Energieagenturen decken das gesamte Sortiment von individueller Beratung im Heizungskeller bis zum Online-Seminar und Do it yourself-Video ab. Die Nachfrage ist riesig und korreliert derzeit mit den Energiepreisen.

von Thadden: Heizen ist wichtig, aber es muss maßvoll und sinnvoll sein. Das war schon vor der Krise bekannt, auch wenn diese Grundsätze nicht immer beherzigt wurden. Wasser können zum Beispiel alle einsparen. Jeder sollte den Zählerstand seiner Ablesegeräte in kurzen Abständen im Auge haben und dann die Zahlen auf den Monat bzw. auf das Jahr hochrechnen. Erst dann können Vermieter:innen bzw. Versorger Aussagen zur Preisentwicklung machen. Der Verbrauch kann so gegebenenfalls angepasst werden. 

Udo Sieverding, Bereichsleiter Energie der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen

Reinold von Thadden, Leiter der Rechtsabteilung Deutscher Mieterbund

Reichen die beschlossenen Einmalzahlungen der Bundes- und Landesregierungen für die Bürger:innen Ihrer Meinung nach aus, um Energie dauerhaft bezahlbar zu machen und Haushalte zu entlasten oder wo sehen Sie Handlungsbedarf seitens der Politik? Welche finanziellen Entlastungsmöglichkeiten sollten speziell für einkommensbenachteiligte Haushalte geschaffen werden?

Sieverding: Seit den ersten beiden Entlastungspaketen im Februar und März hat die Bundesregierung noch nichts präsentiert, was auf die zwischenzeitlich eingetretene Gasnotlage angemessen reagiert. Ein drittes Entlastungspaket ist angekündigt, es muss vor allem die Geringverdiener vor dem Absturz in die Energiearmut schützen. Die Ausweitung des Wohngeldes und eine weitere Erhöhung der Heizkostenpauschale zum Wohngeld wären sinnvoll. Noch besser wäre eine direkte Rückverteilung, also Überweisung an die Betroffenen, wie dies beim Klimageld diskutiert wird. Ziel muss sein, dass der Staat zu jeder Steuer-ID eine Kontonummer hat, um zielgerichtet helfen zu können.

von Thadden: Das Ende der negativen Entwicklung ist noch nicht absehbar. Die Lage kann sich verschlimmern, denn sie ist nicht berechenbar. Es ist möglich, dass die Lebensmittelpreise und die Energiekosten immer wieder - zum Nachteil der Verbraucher - angepasst werden müssen. Um einer solchen fatalen Entwicklung entgegenzuwirken, muss die Politik jetzt ein einziges Signal setzen und beherzigen: Wer diese Preise nicht mehr bezahlen kann, muss so lange wie es nötig ist, von der Politik entlastet werden. Koste es was es wolle! Sonst droht Unfrieden, der möglichweise nicht mehr einzufangen wäre. Wenn die Krise beherrschbar geworden ist, muss ohnehin neu justiert werden. Denn dann haben wir eine neue Zeitrechnung mit neuen Märkten und neuen Preisen.

Warum kommt es Ihrer Meinung nach auch auf die „persönliche Energiewende", auf das Engagement des Einzelnen an?

Sieverding: Die nächsten Monate und mindestens zwei Winter werden hart. Extreme Preisanstiege werden auch Haushalte der Mittelschicht an den Rand der Belastbarkeit bringen oder darüber hinaus. Energiesparen ist wichtig, kann aber die Mehrkosten nicht alleinig auffangen. Fachkräftemangel und Lieferkettenprobleme verschärfen die Situation. Dennoch bleibe ich optimistisch, auch weil ich sehe, wie stark sich viele für die Energiewende engagieren. Natürlich im Interesse ihrer eigenen vier Wände. Aber es gibt auch viel Engagement darüber hinaus, weil der Krieg und die Energiepreisexplosion auch den sozialen Frieden und das Miteinander in Deutschland bedrohen. Hier ist jede und jeder einzelne eingeladen, ihren bzw. seinen Beitrag zu leisten.

von Thadden: Staat, Unternehmen und Gesellschaft sind gleichermaßen gefordert. Wenn rund 82 Millionen Menschen zunächst im privaten Bereich nachhaltig einsparen, dann hat das einen enormen Entlastungseffekt für die Gesellschaft. Wer das Sparen bisher noch nicht für sich entdeckt hat, wird - natürlich im Rahmen seiner Möglichkeiten - feststellen, dass Sparen sogar Spaß machen kann. Es ist doch schön, wenn die Umwelt und Geldbeutel entlastet werden.

Weitere Informationen: 

Über diese und weitere spannende und dringliche Fragen werden Herr Udo Sieverding und Herr Reinold von Thadden gemeinsam mit Herrn Lothar Nolte von der KEAN am 6. September 2022 diskutieren. Moderiert wird das Panel von Stefanie Nöthel aus dem Niedersächsischen Ministerium für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz.

Beim 10. Energieforum werden sowohl die Auswirkungen der aktuellen Entwicklungen im Energiesektor auf Verbraucher:innen als auch das finanzielle Engagement von Bürger:innen und Kommunen von Experten aus Wissenschaft und Praxis beleuchtet. Im Fokus stehen Handlungsmöglichkeiten, um möglichst viele Menschen und Kommunen an der Energiewende zu beteiligen.

Wir möchten Sie ganz herzlich einladen, an der hybriden Veranstaltung der Leuphana Universität in Lüneburg am 6. September 2022 teilzunehmen – entweder vor Ort oder online. Weitere hochkarätige Vorträge werden unter anderem von Prof. Dr. Claudia Kemfert, Leuphana Universität Lüneburg & Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Prof. Dr. Dr. Ortwin Renn Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung Potsdam, IASS, und Dr. Thorsten Müller, Stiftung Umweltenergierecht, gehalten.

Über Ihre Anmeldung freuen wir uns. 

Um den aktuellen Herausforderungen der Energieversorgung wirksam zu begegnen, ist es ratsam, Energie möglichst effizient einzusetzen und überflüssigen Verbrauch zu vermeiden. Wir haben dazu viele Tipps zum Energiesparen zusammengetragen. 

 

Kontakt

Susanna Conde-Schucht

0511 89 70 39-36
susanna.conde-schucht [at] klimaschutz-niedersachsen.de

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