So gelingt Klimaschutz in der Schule

Wie Minimalismus und Nachhaltigkeit auch im Kunstunterricht Thema sein können

Deborah Altenbeck ist Lehrerin im Niedersächsischen Internatsgymnasium in Bad Bederkesa im Landkreis Cuxhaven. Sie unterrichtet Kunst und Englisch und interessiert sich privat für Nachhaltigkeit und Minimalismus. Daraus entstand bei ihr die Frage, warum Minimalismus und ein sparsamer Umgang mit unseren Ressourcen nicht im Lehrplan stehen. Kurzerhand setzte Deborah Altenbeck daher ein Minimalismusprojekt im Kunstunterricht mit ihrer neunten Klasse um.

Diesen Ansatz fanden wir so spannend, dass wir bei ihr nachgefragt haben. Denn an vielen Schulen wird in den Fächern Geografie, Politik oder den Naturwissenschaften zu Nachhaltigkeit und Klimaschutz gearbeitet, nicht aber im Kunstunterricht. Auch auf die Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler waren wir gespannt und haben deshalb unmittelbar nach dem Abschluss des Projekts, aber auch noch einmal ein Jahr später nachgefragt.

Minimalismusprojekt im Kunstunterricht

Wir alle haben unsere eigene Vorstellung davon, was im Leben wichtig und notwendig ist. Entsprechend gibt es die eine, einzig wahre Form von Minimalismus auch nicht. Ein minimalistischer Ansatz kann auf unterschiedliche Weise gelebt werden. Deborah Altenbeck wollte ihre Schülerinnen und Schüler dazu anregen, über ihr Konsumverhalten und ihre Besitztümer nachzudenken. Und da Minimalismus ja auch mit Kunst zu tun hat, konzipierte sie für ihre neunte Klasse im Schuljahr 2020/2021 eine Unterrichtsreihe zur minimalistischen Lebensweise im Kunstunterricht. 

Dazu betont die Lehrerin „Mir war es mit dem Projekt wichtig, Denkanstöße zu geben. Wenn ich schon als Neuntklässlerin das Konzept und die Vorteile des Minimalismus verstanden hätte, wäre mein Leben in manchen Bereichen anders verlaufen." Inspiriert wurde die Lehrerin dabei vom Minimalismus-Blogger Christof Herrmann und seinem Buch „Das Minimalismus-Projekt – 52 praktische Ideen für weniger Haben und mehr Sein", das sie auch teilweise im Unterricht eingesetzt hat.

Kunstlehrerin Deborah Altenbeck

Wichtig war Deborah Altenbeck, dass sich die Schülerinnen und Schüler mit ihrem alltäglichen Konsumverhalten auseinandersetzen. So enthielten die von ihr erstellten Arbeitsblätter zunächst eine Einführung zum Thema Minimalismus sowie die Aufgabe, einen selbstgewählten und viel genutzten Bereich wie z. B. den Schreibtisch regelmäßig zu fotografieren. Damit konnten Veränderungen oder Konstanten beobachtet werden. 

Dann ging es weiter mit Tipps und Herangehensweisen zum Aussortieren, Reduzieren und Ordnung halten. So ging es z. B. bei der Tabula-rasa-Methode darum, einen bestimmten Bereich komplett leer zu räumen und alle Gegenstände in eine Kiste zu legen. In den folgenden Tagen und Wochen wurden nur die Gegenstände zurückgeholt, die unbedingt gebraucht werden. Der Rest wird noch einmal durchgeschaut und meist kann dann ein großer Teil davon verschenkt, gespendet oder verkauft werden.

Dazu ist Deborah Altenbeck besonders wichtig: „Beim Thema Aussortieren musste ich natürlich sehr vorsichtig vorgehen – niemand sollte den Eindruck haben, irgendetwas wegwerfen zu müssen! Aber alle waren eingeladen, Dinge einfach mal in eine Kiste zu legen und zu sehen, was wirklich gebraucht wird. Mein Ziel war es, möglichen Vorurteilen und Ablehnung mit einer herzlichen Einladung zu begegnen, worauf sich erfreulicher Weise fast alle eingelassen haben."

Auch das tägliche Konsumverhalten war Teil des Unterrichts. Eine Methode dabei war „Keine Spontankäufe" – also, bevor etwas Neues gekauft wird, zu überlegen, ob dieser Gegenstand wirklich benötigt wird. Auch der bewusste Blick auf Werbung wurde thematisiert, da diese oft (unnötige) Konsumwünsche weckt. Teil des Projekts war auch die Erkenntnis, dass in einem ordentlichen Umfeld weniger Zeit fürs Suchen von Gegenständen benötigt und durch einen reduzierten Konsum Geld gespart werden. Im Exkurs „Capsule Wardrobe" ging es um das für Schülerinnen und Schüler oft sehr wichtige Thema Mode: Capsule Wardrobe meint, dass man weniger Kleidungsstücke hat, diese aber durchdacht sind, gut zueinander passen und möglichst aus umweltverträglichen Materialien bestehen.

Capsule Wardrobe © Deborah Altenbeck

 

Schlicht und einfach glücklicher sein

Zum Ende der Unterrichtsreihe wurde das Erreichte fotografisch und die Erfahrungen schriftlich festgehalten: Auch wenn natürlich nicht jede und jeder einen persönlichen Gewinn aus dem Projekt schöpfen konnte, wurde es von vielen als eine interessante Erfahrung erlebt. Mehrfach wurde das Aufräumen als eine Herausforderung erlebt. Mehrere Schülerinnen und Schüler haben danach aber auch für sich gemerkt, dass es sich mit Ordnung besser arbeiten lässt und das Aussortieren von Dingen ihnen guttut. Von diesen Erfahrungen berichten generell viele Menschen, die sich mit Minimalismus beschäftigen: Oft wird es als ein befreiteres und glücklicheres Leben empfunden, wenn weniger Dinge vorhanden sind.

Diese Erfahrungen hat auch Fabio gemacht, er war damals 15 Jahre alt und schreibt: „Man hat sich irgendwie besser gefühlt. Es war toll, mal was Aufgeräumtes zu sehen (bei mir ist es sonst wenig aufgeräumt). Ich habe diese Ordnung beibehalten und musste nicht viel dafür tun, weil ich es fast automatisch gemacht habe. Die Blicke von meinen Eltern waren unbezahlbar, als sie das erste Mal wieder zu mir ins Zimmer kamen. Es war ganz cool, sowas mal im Unterricht zu machen. Ich meine, es ist mal was anderes als nur was mit Pinsel und Buntstift zu machen."

Auch die vierzehnjährige Sarah hat nach dem Projektende für sich einige Erkenntnisse gewonnen: „Ich nehme mit, dass es sich mit Ordnung besser arbeiten lässt und alles etwas entspannter ist. Ich möchte damit weitermachen, da der Lebensstil, wie ich festgestellt habe, schon sehr interessant und hilfreich ist. Ich denke, ich mische diesen Lebensstil mit meinem jetzigen, da ich nicht ganz minimalistisch leben kann und möchte, aber auch gemerkt habe, dass es mit dem Lebensstil viel geordneter ist."

Alles auf einen Griff: Ordnung in der Schreibtischschublade © Deborah Altenbeck

Jonas, ebenfalls 15 Jahre alt, hat im Projekt seine anfänglich skeptische Meinung geändert und dann wichtige Anregungen für sich mitgenommen: „Am Anfang stand ich diesem Kunstprojekt noch etwas kritisch gegenüber, da ich mit Minimalismus eine extreme Reduzierung auf das Nötigste verbunden habe. Nach den ersten paar Aufgaben habe ich aber gemerkt, dass Minimalismus für mich eher ein Denkanstoß war, der mir bewusst gemacht hat, dass ich viele Sachen (vor allem in meinem Zimmer) gar nicht mehr brauche. Ich sah dieses Projekt als einen super Start, um von jetzt an bewusster Sachen zu kaufen und mein Zimmer von all dem unnötigen Zeug zu befreien. Wenn mir vor diesen Aufgaben jemand gesagt hätte, dass ich mal etwas mehr minimalistisch leben sollte, hätte ich vermutlich an ein leeres Zimmer mit einer Matratze und einem kleinen Regal gedacht. Doch mir wurde dann langsam klar, dass es auch reicht, erst mal einen Blick in die unordentlichen Schubladen zu werfen. Der Punkt mit dem Vermeiden von Werbung hat mich am meisten überrascht bzw. mir ist erst dann so richtig klar geworden, dass das Ziel von Werbung der Kauf von meist unnötigen Sachen ist. Ab diesem Tag an habe ich verstärkt darauf geachtet, was die Werbung (besonders auf Kinderkanälen) den Zuschauern für einen Schrott andrehen will."

Mehr Übersicht im aufgeräumten Kleiderschrank © Deborah Altenbeck

Ein Jahr danach – was ist geblieben?

Deborah Altenbeck hat sich über die differenzierten Rückmeldungen ihrer Schülerinnen und Schüler zum Projektende sehr gefreut: „Es ist als Lehrkraft nicht immer leicht, die jungen Menschen für ein Thema zu begeistern. In dieser Einheit jedoch hatte ich das Gefühl, dass einige Schülerinnen und Schüler sehr interessiert waren. Insbesondere die Capsule Wardrobe, da Mode und Kleidung ja sowieso ein Thema in dem Alter ist". Uns hat interessiert, was die jungen Menschen mehr als ein Jahr nach dem Projekt aus der Zeit für sich mitgenommen haben. Also haben wir bei Deborah Altenbeck nachgefragt und sie hat netterweise bei ihren damaligen Schülerinnen und Schülern noch einmal Feedback eingeholt.

Bei Fabio hat die Unterrichtsreihe auch heute noch teilweise Einfluss auf seinen Alltag: „Im letzten Jahr, als wir Minimalismus im Unterricht behandelt haben, habe ich mich sehr für dieses Thema interessiert - und bin es immer noch, da im „Minimalistischen Sinne" vieles besser aussieht. So auch bei mir, ich habe den Minimalismus in manchen Teilen meines Alltages beibehalten z.B. beim Frühjahrsputz. Dabei sortiere ich Alles aus, was sich alles über das Jahr angesammelt hat. Der Unterschied davor und danach ist atemberaubend und ich freue mich immer, wenn ich sehe, wie aufgeräumt alles ist."

Auch Sarah hat aus der Zeit langfristig positive Anregungen mitnehmen können: „Das Projekt Minimalismus begleitet mich in Teilen immer noch. Zum einen bin ich dadurch noch organisierter geworden, weil fast alles seinen festen Platz hat und ich regelmäßig Dinge aussortiere, die ich nicht mehr benötige. Außerdem achte ich noch stärker beim Verreisen, gerade wenn der Koffer nur ein begrenztes Gewicht haben darf, auf das Prinzip der Capsule Wardrobe."

Und Jonas meint im Rückblick: „Als wir unser Minimalismus-Projekt im Kunstunterricht starteten, hätte ich nicht gedacht, dass es auch heute noch Auswirkungen auf mich und mein Leben hat. Natürlich habe ich es nicht geschafft die ganze Sache so durchzuziehen, wie ich es erst vorhatte. Aber kleine Veränderungen, die mir nicht zu schwergefallen sind, habe ich beibehalten. Seit dem Projekt ist mein Schreibtisch zum Beispiel ein Platz in meinem Zimmer, an dem nicht sämtliche Arbeitsblätter und Materialien einfach so verstreut herumliegen. Unnötige Sachen habe ich aussortiert und zum Teil auch entsorgt. Seitdem merke ich, dass ich viel strukturierter Schulaufgaben erledigen kann und ich mich währenddessen nicht so leicht ablenken lasse. Mittlerweile muss ich auch gar nicht mehr daran denken, diese Ordnung einzuhalten: Da ich es schon so gewohnt bin, ist es zur Routine geworden, die Sachen an der richtigen Stelle zu platzieren."

Struktur und Ordnung auf dem Schreibtisch haben sich bewährt © Deborah Altenbeck

Bei der Unterrichtsreihe am NIG Bad Bederkesa lag der Fokus beim Aufräumen und Aussortieren. Ein nachhaltiger Lebensstil hat jedoch noch viele andere Facetten. Die Antworten auf die Herausforderungen des Klimawandels liegen auch in einem anderen Konsumverhalten. Hier gilt es auch, die heranwachsende Generation zu sensibilisieren. Minimalismus ganz praktisch in den Schulunterricht einzubauen – wie es am NIG geschehen ist – ist eine gute Idee. Denn in der Schule sollten junge Menschen nicht nur für die nächste Arbeit lernen, sondern im Sinne einer Bildung für nachhaltige Entwicklung zu zukunftsfähigem Denken und Handeln befähigt werden. Daher bedanken wir uns herzlich bei Deborah Altenbeck und ihrer Klasse für die Umsetzung des Projekts und dass sie uns an ihren Erfahrungen teilhaben lassen. Engagiertes Handeln und Projekte dieser Art sollten im wahrsten Sinne des Wortes „Schule machen" auf dem Weg zu einer nachhaltigeren und klimafreundlicheren Gesellschaft.


Die Namen der Schülerinnen und Schüler wurden teilweise auf ihren Wunsch hin geändert.

Weitere Informationen:

Mehr zum NIG Bad Bederkesa
Mehr zu Christof Herrmann und seinem Blog „Einfach bewusst"
Weitere Artikel aus der KEAN-Rubrik „So gelingt Klimaschutz in der Schule"

 

Hintergrund zum Thema Minimalismus: 

Motto „Weniger ist mehr"

Beim Minimalismus geht es um einen Lebensstil, der sich auf das Nötigste reduziert und damit einen Gegenentwurf zu unserer heutigen Konsumgesellschaft darstellt. Seinen Ursprung hat der Begriff in der Kunst- und Designwelt der 1960-er Jahre und meint klare Strukturen, reduzierte Farben und Formen. Aber: Die Überzeugung, dass ein einfaches Leben der Schlüssel zum Glück sein könnte, gab es bereits in der Antike und im Mittelalter.

Wer sich für Minimalismus als Lebensstil entscheidet, lebt freiwillig einfach und verzichtet auf alles, was nicht unbedingt notwendig ist. Was und wie viel das im Einzelfall genau ist, ist eine sehr persönliche Entscheidung. Manche Menschen leben nur in ausgewählten Bereichen minimalistisch: Sie entrümpeln ihren Kleiderschrank oder ihre Wohnung. Andere entscheiden sich für einen in vielen Bereichen reduzierten Lebensstil. 

Auch wenn Minimalismus nicht automatisch nachhaltig ist - wer bewusster und weniger konsumiert, reduziert den eigenen ökologischen Fußabdruck. Dabei wird nicht nur Geld gespart. Auch Ressourcen werden geschont und klimaschädliche Emissionen vermieden, insgesamt also ein Beitrag zum Klimaschutz geleistet! Denn für die Herstellung und den Transport von Konsumgütern – wie Lebensmittel, Mode- oder Elektronikartikel – werden weltweit Rohstoffe, Energie und Wasser verbraucht und CO2-Emissionen verursacht. Die Auswirkungen unseres aktuellen Konsumverhaltens schaden der Umwelt und dem Klima. Auch aus diesen Gründen möchten immer mehr Menschen nachhaltig leben.

Kontakt

Ruth Märtin

0511-89703937
ruth.maertin [at] klimaschutz-niedersachsen.de

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