Reduktionsziele bei Treibhausgasemissionen erreichen

Fachtagung Lüneburg Juli 2025

Rund 80 Fachleute folgten der Einladung des Niedersächsischen Ministeriums für Umwelt, Energie und Klimaschutz (MU), des Niedersächsischen Städtetags (NST), der Hansestadt Lüneburg und der KEAN im Rahmen des vom Land Niedersachsen geförderten NST-Projekts „Unterstützung und Beschleunigung des kommunalen Klimaschutzes durch Smart Cities“ in die Leuphana Universität Lüneburg. Die Tagung wurde von Tanja Föhr mit Hilfe von Graphic Recordings moderiert.

Im Begrüßungsinterview beschrieb Lüneburgs Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch die Hebel, um ehrgeizige Klimaschutzziele zu erreichen: Wärmeplanung, Gebäudeenergiemanagement, Mobilitätswende und Flächen für erneuerbare Energiegewinnung. Dr. Jan Arning, Hauptgeschäftsführer des NST, nannte gute kommunale Beispiele und forderte verlässliche Rahmenbedingungen für kommunales Handeln. Hierzu zählen nach KEAN-Geschäftsführer Daniel Farnung besonders ausreichende finanzielle Ressourcen. Er wies auf den Nutzen digitaler Tools bei der Treibhausgas-Bilanzierung und dem Energiemanagement hin. Professor Dr. Harald Heinrichs von der Leuphana Universität, die Kooperationspartnerin für die Fachtagung war, hielt es für sehr hilfreich, eine mutigere und schnellere Partizipation mit Hilfe von z.B. Chatbots adressatengerechter zu führen.

Die Teilnehmenden verfolgten in Lüneburg das Begrüßungsinterview

Graphic Recording zum Begrüßungsinterview

Für das MU kündigte Staatssekretärin Anka Dobslaw einen Investitionsbooster für Kommunalen Klimaschutz und Klimafolgenanpassung aus den Strukturmitteln des Bundes an. Damit könnte die Umsetzung von Maßnahmen von Kommunen als Schlüsselakteuren bei Anpassung und Klimaschutz beschleunigt werden. Es würde darum gehen, das halbvolle Glas gemeinsam weiter zu füllen. Wichtige Beiträge des Landes wären mehr Personalkostenförderungen bei Landkreisen, einfachere Verfahren und Beratung durch KEAN und NIKO.

Umweltstaatssekretärin Anka Dobslaw

Graphic Recording: Niedersachsen sagt „Ja“ zum Klimaschutz

Trotz der zahlreichen Herausforderungen für Kommunen hat der Klimaschutz seine hohe Bedeutung behalten. Dies zeigt auch das Kommunale Nachhaltigkeitsbarometer Niedersachsen, das die Leuphana Universität im Frühjahr 2025 veröffentlicht hat und das Pia Redenius im Rahmen der Veranstaltung vorstellte. Gewonnene Erkenntnisse waren, dass Klimaschutz vorrangig bei Landkreisverwaltungen als wichtig bezeichnet wurde, Nachhaltigkeit hingegen vorrangig in Gemeinden und Städten. 43% der teilnehmenden Kommunen hatten ein eigenes Neutralitätsziel für Treibhausgase, bewerteten ihre Maßnahmen aber selbst als nicht ausreichend, um diese zu erreichen. Dabei wurden ordnungsrechtliche Maßnahmen nur wenig genutzt. Kooperationen z.B. im Klimabündnis wurden häufig aktiv wahrgenommen und sollten stärker angestrebt werden. Auch eine Verbreitung der Nachhaltigkeitskompetenzen, z.B. in die Kulturverwaltung, wurde als hilfreich bewertet. Mangelnde Ressourcen und zögerliche Kommunalpolitik würden oft als hemmend für die Erreichung von Klimazielen bewertet.

Angelika Paar vom Institut für Energie- und Umweltforschung (IFEU) Heidelberg spannte den Bogen von den eigenen Handlungsmöglichkeiten von Kommunen beim Klimaschutz zu Bereichen, wo Kommunen nur anreizen oder begleiten können. Dabei wurde deutlich, dass Kommunen selbst nur einen gewissen Teil der Emissionen vermeiden könnten, weil sie z.B. keine Einflussmöglichkeit auf Industrieunternehmen hätten. Frau Paar appellierte daher, realistische, aber anspruchsvolle Ziele an die lokale Situation anzupassen, engagiert bei der Umsetzung zu bleiben und das Klimaschutzmanagement personell und finanziell aufzustocken, weil es mehr Geld in die Kassen bringt als es kostet (der Hebel beträgt je nach Betrachtung zwischen 1,2 und 9 mal).

Mit einer Podiumsdiskussion „Treibhausgasneutrale Kommune – wie kommen wir dahin?“ wurde das Vormittagsprogramm abgerundet. Neben Prof. Dr. Harald Heinrichs und Angelika Paar (s.o.) diskutierten Pia Wiebe, Bereichsleiterin Klimaschutz und Nachhaltigkeit der Hansestadt Lüneburg und Stadtdirektor Martin Feller, Samtgemeinde Bad Bevensen-Ebstorf. Die Ergebnisse wurden grafisch festgehalten (Bild s.u.). 

Treibhausgasneutrale Kommune – wie kommen wir dahin?

In parallelen Workshops bearbeiteten die Teilnehmenden der Fachtagung anschließend nachfolgende Themen (diese und weitere Präsentationen der Veranstaltung gibt es hier zum Download)

Kommunales Energiemanagement – Ansatzpunkte für Digitalisierung auf dem Weg zur Treibhausgasneutralität
Florian Lörincz (KEAN) eröffnete die Veranstaltung mit einem Impulsvortrag zu den wirtschaftlichen und technischen Grundlagen und Digitalisierungspotenzialen des kommunalen Energiemanagements (KEM). Im Anschluss gab Manfred Jeschke (Landkreis Northeim) praxisnahe Einblicke in langjährige Erfahrungen – mit eindrucksvollen Ergebnissen wie einer rund 90 %igen Wärmeenergieeinsparung durch gezielte Sanierungsmaßnahmen eines Schulgebäudes auf Grundlage des Energiemanagements.

In der anschließenden Workshop-Phase erarbeiteten Kleingruppen zentrale Hürden und Erfolgsfaktoren für wirksames und digitales KEM. Als herausfordernd wurde die Ausgangslage beschrieben: vielerorts fehlten Daten, Strukturen und Klarheit auch über Datensicherheit.

Als Erfolgsfaktoren des KEM wurden dagegen organisatorischer Rückhalt, klare Zuständigkeiten, verlässliche Datengrundlagen sowie die systematische Analyse und Priorisierung kommunaler Liegenschaften identifiziert. Besondere Bedeutung kam der automatisierten Verbrauchserfassung und der Klärung von Zuständigkeiten und Befugnissen zu. Fazit des Workshops: Neben messbarer CO2-Einsparung und erheblicher Kostensenkung sichert KEM (digital wie analog) auch den langfristigen Gebäude- und Werterhalt kommunaler Liegenschaften und schafft neue Perspektiven.

Nachhaltige Beschaffung in Niedersächsischen Kommunen – Beispiele und Erfahrungen

Hier stellte Tom Schmidt (City & Bits GmbH) den Nachhaltigkeits-Canvas als Hilfsmittel vor, Claudius Reich (Stadt Hannover) erläuterte Beispiele zu Qualitätskriterien, die rechtssicher möglich wären.
Anhand ausgewählter Beispiele, die typisch für Kommunen sind, entwarfen die Teilnehmenden erste Verbesserungsideen:

  • Für Gebäude wurden Konzeptausschreibungen mit Ausschlusskriterien (z.B. für bestimmte Rohstoffe), Vorgaben für die Gebäudetechnik zur Unterstützung nachhaltiger Nutzung und die Vorgabe modularer Nutzungskonzepte benannt. Contractingmodelle für energiesparende Anlagen könnten Beiträge leisten, wenn Ressourcen für eigene Investitionen knapp wären.
  • Für Nahrungsmittel (Kita, Schule, Soziales) wurde die Nutzung vorhandener Empfehlungen (z.B. der DGE) angeregt, um besser bewerten zu können, was gesund und vielfältig sei. Weiterhin könnten CO2-Schattenpreise Aufwände für Transportwege abbilden und damit für regionale Produkte Chancen bei Ausschreibungen verbessern. Weitere Vorgaben für Mehrwegverpackungen oder Resteverwertung wären möglich. Für die Umsetzung wären Markterkundungsverfahren im Vorfeld hilfreich.
  • Als wichtige Ausgangspunkte für die Beschaffung von Büromöbeln wurden Ergonomie, Platzbedarf, Datenschutzfähigkeit und Wohlfühlfaktor benannt. Dafür sollten die künftigen Nutzenden vor der Ausschreibung beteiligt werden. Vorgaben zur Nachhaltigkeit wären weiterhin der Ausschluss bestimmter Materialien, Merkmale zur Langlebigkeit. Eine gute Umsetzung würden zentrale Beschaffungsstellen, regelmäßige Evaluation und Anpassung von Kriterienkatalogen erleichtern. Gewünscht waren zentrale Hilfsmittel durch Servicestellen des Landes wie der KEAN.

Datennutzung für eine nachhaltige Kommune: Beispiele und usecases

Wie können Kommunen Daten strategisch für Nachhaltigkeit nutzen? Diese Frage stand im Zentrum des Workshops, der Theorie mit Praxis verknüpfte. Simone Sauerwein (Hansestadt Lüneburg) zeigte anhand kommunaler Erfahrungen Chancen und Herausforderungen auf. Florian Apel-Soetebeer (City & Bits GmbH) ergänzte mit Best Practices und Use Cases zum kommunalen Datenmanagement. In interaktiven Gruppen entwickelten die 14 Teilnehmenden Anwendungsszenarien zu klimafreundlicher Mobilität, energieeffizientem Gebäudemanagement und hitzeresilienter Stadtplanung.

Der partizipative Ansatz verband vielfältige Perspektiven und machte Potenziale datenbasierter Lösungen sichtbar. Ein Fokus lag auf der datenbasierten Optimierung eines Parkhauses: In Echtzeit erfasste Park- und Ladesäulenbelegung, Auslastungsanalyse, Abstimmung von Photovoltaik-Stromerzeugung mit Ladebedarf sowie nutzerorientierte Anreizsysteme wurden gemeinsam konzipiert. Herausforderungen wie veränderte Mobilitätsbedürfnisse und langfristige Finanzierung wurden berücksichtigt. Der Workshop zeigte eindrucksvoll: Daten können zur nachhaltigen Stadtentwicklung beitragen – wenn strategisch geplant, partizipativ entwickelt und mit Ressourcen unterlegt. Für den Herbst ist eine Bedarfserhebung über den Niedersächsischen Städtetag geplant, um prioritäre Themenfelder und passende Unterstützungsangebote für Kommunen in Niedersachsen zu identifizieren."

Abgeschlossen hat die Tagung Professorin Dr. Sonja Peterson (IfW Kiel) mit dem Vortrag „Was erwarten wir für eine Entwicklung bei den CO2-Preisen und welche Folgen hat das für Kommunen?“. Das Emissionshandelssystem, bei dem Emittierende Zertifikate erwerben müssten, wurde von ihr als gutes und neutrales Steuerungsmittel bezeichnet, um die europäische Zielrichtung zu erreichen. Es hätte in der Vergangenheit bereits gute Reaktionen hervorgerufen. Trotz Unsicherheit bei zahlreichen Rahmenbedingungen wäre auf jeden Fall mit weiteren Preissteigerungen zu rechnen, ein CO2-Preis ab 2030 unter 100 €/t wäre unrealistisch.

Graphic Recordings: „Was erwarten wir für eine Entwicklung bei den CO2-Preisen und welche Folgen hat das für Kommunen?“

 

       Die Präsentationen zum Download

Impressionen

Alle Fotos Quelle: M. Assanimoghaddam

Kontakt

Philipp Steiner

0171 913 54 10
philipp.steiner [at] klimaschutz-niedersachsen.de

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